Über das Spannungsfeld von dem Bedürfnis nach Berührung und der Angst davor

Berührung ist überlebenswichtig. Um gesund zu sein, bedarf es Berührung. Sie ist überlebenswichtig, denn durch Berührung erfahren und erspüren wir uns selbst. 

Das beginnt schon im Mutterleib vor der Geburt. Erst durch Berührung entwickelt sich unser Körper in der Welt, in der wir leben. 

So wie wir mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, so fühlen wir über die Haut mit dem Tastsinn.

Wissenschaftlich ist längst bewiesen, dass Nähe und Berührung maßgeblich das Leben in allen Beziehungen beeinflusst. In Zeiten von Corona-Isolation ist der selbstverständliche Kontakt, den wir vorher zu unseren Mitmenschen pflegten, zu einem kostbareren Gut geworden. Durch die Kontaktbeschränkungen sind wir dieses Sinns in Teilen beraubt. Es ist in etwa so, als würden wir mit Augenklappe oder Ohrstöpsel durch den Alltag schreiten. 

Weil uns die direkte Nähe zu unseren Mitmenschen in großen Teilen abhandengekommen ist, fällt damit auch der Teil weg, der hauptsächlich über Berührung zu anderen Menschen gegeben wird – soziale Wärme.

Während Corona Angst vor gelernten Begrüßungsritualen

Es fühlt sich nach wie vor seltsam an, Menschen denen wir nah stehen nicht in den Arm zu nehmen, weil uns die Verbote daran hindern. Darüber bescheren uns Verbote ein schlechtes Gewissen. Berührung hat durch die Corona-Krise einen negativen Beigeschmack bekommen, der nach der Zwangslage erst wieder verlernt werden muss. Der Prozess wird Zeit und neues Vertrauen benötigen. 

Mithin wird Berührung zu anderen Menschen aktuell mehr denn je als eine Gefahr wahrgenommen. Sie resultiert aus der Angst, sich mit dem unsichtbaren Virus zu infizieren. Aber was kostet uns der Verzicht auf Berührung? Ist der Preis zu hoch, den wir bereit sind, dafür zu bezahlen? Ob die Kontaktverbote „richtig oder falsch“ sind, ist augenblicklich nicht relevant. Eine Bewertung dessen wird uns erst im Nachgang möglich sein. 

Wichtiger ist, was der gegenwärtige soziokulturelle Wandel bei uns Menschen bewirkt und wie wir diesen Trend positiv mitgestalten können.

Ob wir uns jemals zur Begrüßung wieder die Hände reichen ist fraglich. Ein Ritual, das durch den Schutz vor Infektion der Vergangenheit angehört – zumindest im gegenwärtigen Zustand. Ursprünglich diente das nonverbale Begrüßungsritual dazu, dem Gegenüber die leere Waffenhand zu signalisieren. 

Darüber hinaus vermittelt der Händedruck eine Reihe an Informationen, die wir über das Unterbewusstsein wahrnehmen. Durch Händeschütteln lernen wir mehr über unsere Mitmenschen als sich mit Worten in der Kürze des Moments beschreiben lässt. 

Händeschütteln als Teil der osteopathischen Untersuchung

Aus Sicht eines Osteopathen ist Händeschütteln mehr als ein Begrüßungsritual. 

In unserer Praxis war bis vor wenigen Monaten das „altertümliche“ Instrument des Händereichens schon der ersten Untersuchungsgang, bevor es überhaupt zu einer Frage nach dem Gesundheitszustand gekommen ist. 

Fühlt sich die Hand warm oder kalt an? Ist sie schwitzig oder trocken? Hat sie Schwielen, und ist die Haut rissig? Deutet die Textur der Hand auf körperliche Arbeit oder eher auf Denkarbeit am Schreibtisch hin? Ist es ein kräftiger Händedruck der Dominanz, oder Schwäche und Unterwürfigkeit signalisiert? Passt der Handschlag von der Art und Weise zur Statur, zum gesprochenen, dem Gesichtsausdruck und zur allgemeinen Erscheinung? Diese Liste lässt sich beliebig fortführen. 

Händeschütteln gibt Informationen auf der nonverbalen Ebene preis. Winzige Signale registriert der geübte Beobachter und erhält Hinweise auf Körperspannung, -haltung und -funktion. Sogar der psycho-emotionale Zustand (z.B. Aufregung) des Gegenübers spiegelt sich im Händedruck. Die Handtemperatur und schwitzige Handflächen geben Hinweise auf die Funktion des vegetativen Nervensystems. 

Faktisch ist ein gegenseitiger Handschlag wie ein Schnelltest, der innerhalb von Millisekunden reichhaltige Informationen preisgibt. Diese wertvollen ersten Eindrücke fehlen aktuell. Wir haben uns die Frage gestellt, wie es gelingt dieses Defizit sinnvoll, auf anderen Wegen zu kompensieren.

Berührung auf anderer Ebene

In Zeiten, in denen Händedruck und Umarmung wegfallen, ist es umso wichtiger seine Mitmenschen auf anderen Ebenen zu berühren. 

Wir können physisch über den Körperkontakt, oder emotional berühren. Beides stellt eine Verbindung zum Gegenüber her. 

Menschen sind Lebewesen, die ohne gegenseitige Verbindung in ein psychosomatisches Ungleichgewicht rutschen. Die Psychosomatik ist ein medizinisches Feld, das die Wirkung von Emotionen und Gefühlen auf körperliche Vorgänge beschreibt. Verringerter Körperkontakt steht im Verdacht, Krankheiten wie Depressionen auszulösen. Soziale Nähe kann dabei wie Medizin wirken. 

Wir erleben es täglich in der Praxis und machen die Erfahrung, dass jegliche therapeutische Interaktion nur gelingt, wenn wir einen Zugang zu unseren Patienten bekommen. Dies findet in der osteopathischen Praxis augenscheinlich über die physische Berührung statt. Wer denkt Osteopathie oder jegliche Form von manueller Therapie mit den Händen sei lediglich auf „drücken, schieben und ziehen“ am Körper beschränkt, der irrt. 

Bevor wir eine körperliche Verbindung herstellen, geschieht der erste Schritt der Berührung schon auf einer wertschätzenden Ebene unserer Patienten gegenüber. Berührung findet also schon statt bevor körperlich Hand angelegt wird. 

Berührung ist das Werkzeug von Therapeuten, um körperliche und emotionale Veränderungen zu bewirken.

Jegliche Form von Berührung erzeugt Resonanz, die uns körperlich und emotional prägt. Beispielsweise kann die richtige Frage, zum richtigen Zeitpunkt durch ein aufrichtiges Interesse den Patienten so berühren, dass durch diese Form der Wertschätzung, die Weichen für die darauffolgende Behandlung gestellt werden. 

Unsere Erfahrung zeigt, dass die Art und Weise, wie wir unseren Mitmenschen begegnen immer einen Einfluss auf das Behandlungsergebnis hat. Aufrichtiges Interesse erzeugt Offenheit, die ein Vertrauensverhältnis ermöglicht. Es ist die Basis einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Diese Wertschöpfungskette hat in der kontaktarmen Zeit massiv an Bedeutung gewonnen. 

Zusammen mit einer Portion Wohlwollen und Demut vor dem Leben entsteht eine heilsame Atmosphäre. Einer Prise Humor beflügelt, wie auch Eckart von Hirschhausen beweist. 

Dies funktioniert nicht nur gut in unserer Praxis, sondern genauso im alltäglichen Leben. 

Wie sich körperliche Distanz kompensieren lässt

Die Kompensation von verringerter Berührung ist überhaupt nicht schwer und beginnt mit kleinen Veränderungen im Alltag. Oft reicht es aus, einen kleinen Stopp einzulegen – sei es bei der Arbeit oder beim Plausch auf der Straße – wir dürfen uns wieder mehr für einander interessieren. Jederzeit besteht auf diese Weise die Chance uns einzubringen und die physische Distanz der Corona-Zeit zu überbrücken. Mit bewusst gelebten Werten wie Interesse und Herzlichkeit tragen wir zur eigenen Gesundheit und dem Gemeinwohl bei. 

Es kostet meist nichts und das Schöne ist, es kommt dabei oft mehr zurück, als man erwartet hat.